19
Aug
2013

Mein China

Nun ist es soweit. Ich muss mich von Shanghai verabschieden. In meinem letzten Eintrag aus China möchte ich eine Art Fazit ziehen und euch meine Endrücke gerne noch einmal beschreiben.

China war eine tolle Erfahrung und das sowohl was die Arbeit angeht, als auch die Zeit mit Land und Leuten. Für ein Praktikum gibt es wohl momentan keinen besseren Ort um mit so vielen verschiedenen Projekten und Anlagen in Kontakt zu kommen. Dadurch, dass sich alles noch im Aufbau befindet, gibt es auch noch keine so strenge Aufgabenverteilung wie in Deutschland. Der Umgang ist viel lockerer und man duzt sich auch auf Deutsch mit jedem. Auch wenn ich ab und zu über den Mangel an guter Arbeit gejamert habe, habe ich hier viel gelernt und es hat sich gelohnt.

Der Kommunismus ist für mich kaum sichtbar gewesen. Glitzerndes Konsum-Wunderland in dem sich die Gleichheit der Menschen oft nur darin zeigt, dass sie sich zusammen in die Metro quetschen und nebeneinander im Stau stehen. Porsche neben E-Lastfahrrad, Anzugträger neben Wanderarbeiter. In den Clubs sitzen die jungen Reichen an Tischen, die sich unter nicht angebrochenen Moet-Flaschen biegen. Die Damen, welche man sich für den Abend an den Tisch geholt hat schlafen schon. In den ärmeren Gebieten lassen sich kurze Blicke in kleine und vollgestellte Wohn/Schlafzimmer ohne Klo, geschweige denn Bad, erhaschen. Trotz der krassen Unterschiede ist die Stadt jedoch fast frei von Kriminalität. Zu jeder Tages- und Nachtzeit und egal wo kann man als Mann und auch als Frau alleine durch die Straβen laufen und dabei sogar sein Handy ohne schlechtes Gewissen offen in der Hand halten. Nur vor Diebstahl ist man nicht ganz sicher, wie ich leidvoll erfahren musste, als mein Fahrrad geklaut wurde. Shanghai ist eine Stadt in der man alles bekommen kann was man will solange man das Geld dafür hat. Die Wohnungspreise steigen von Jahr zu Jahr in gerade zu verrückte Höhen. Eine Wertsteigerung von über 300% innerhalb von 5 Jahren ist hier keine Seltenheit und die Blase wächst weiter. Was in Deutschland schon schlimm wäre, wird hier zur Kathastrophe. In China mietet man nicht, hier kauft man und das am besten mit der kompletten Summe. Kredite waren noch bis vor kurzem verpönt, werden nun aber langsam gesellschaftstauglich. Das die Chinesen nicht mieten hat wohl mehrere Gründe, eine groβe Rolle spielt das geringe Mieterrecht in der Wohnung und die dadurch entstehenden Probleme mit dem Vermieter. Den gröβten Grund dürfte jedoch etwas ganz anderes darstellen. Ohne eigene Wohnung kann in China nicht geheiratet werden. Keine Ehe wird geschlossen ohne, dass das Paar seine eigenen 4 Wände besitzt. Da die Paare sehr früh heiraten (25 ist bei Frauen schon eine „late marriage“) müssen die Eltern schon früh anfangen zu sparen um ihren Kindern eine Hochzeit zu ermöglichen. China ist Familien Land. Überall sind Eltern und Groβeltern mit ihrem Kindern zu sehen. Überhaupt sind Kinder allgegenwärtig. Redet man mit den Kollegen wird als allererstes ein Familienfoto, beziehungsweise Foto des Kindes gezeigt. Den Wert von Kindern und Familie finde ich wunderbar.
Es gibt jedoch auch weniger schöne Eindrücke aus China. Es wird immernoch überall geraucht. Auch wenn die Regierung mit jeder Menge Fernsehspots versucht ein Bewusstsein zu schaffen fühlt man sich wie im Deutschland der 50er Jahre. Ob Restaurant oder Aufzug, Büro oder Metrostation immer gibt es jemanden der sich eine Zigarette anzündet. In meinem Büro war es dankenswerter weise nicht erlaubt, jedoch ist es in rein chineischen Büros wohl nichts ungewöhnliches. Den schlimmsten Eindruck haben jedoch die Bahnhofstoiletten hinterlassen. Der Chinese genieβt es wohl sehr auf dem Klo zu rauchen und so riecht es in fast jeder Toilette zumindest ein wenig nach Rauch. Auf Bahnhöfen herrscht normalerweise komplettes Rauchverbot, dass in den Toiletten jedoch massiev missachtet wird. Manchmal konnte man das Ende des Raumes kaum erkennen. Einen sehr guten Eindruck hat bei mir das Zugsystem hinterlassen. Verlässlich und billig wie es ist habe ich damit nur gute Erfahrungen gemacht.
Service wird in China groβ geschrieben. Allerdings ist das Verständnis von Service bei uns in Deutschland eher anders. Chinesische Touristen bemängeln oft den Service in Europa, wobei sie meist die wenigen Mitarbeiter meinen. In unserem Verständnis reicht es vollkommen wenn nur von einer Person bedient wird, wenn diese sich ausgiebig um die Gäste kümmert. In China sind es zumeist viele, die aber alle nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit mitbringen. Selbst Polizisten stehen währen der Arbeit mit dem Smartphone oder Tablet da und so sieht man dies auch oft in Restaurants und Läden. Fast überall ist eine kleine Armee von Putzleuten angestellt und dennoch ist es bei genauerem hinsehen fast nie richtig sauber.
Das beste am Leben in China ist das Essen und die Art des Essens. In Goβen Gruppen gibt es viele Verschieden Speisen. Auβer Frosch und Qualle habe ich wenig abgefahrene Speisen zu mir genommen und es war fast immer hervorragend. Es gibt so viele verschidene Küchen, dass ich sie immernoch nicht alle kenne. Das Essen werde ich vermissen und vor allem das zusammen sein. Freitag abends zum essen Treffen, Bier trinken und reden und dafür am Ende zwischen 5 und 12 Euro zahlen. Herrlich!

Nun stellt sich die Frage ob ich wieder kommen würde und ob ich mir ein Leben hier in Shanghai vorstellen könnte. China ist ein Land in dem man als Ausländer gut Leben kann. Allerdings sollte man die Sprach in jedem Fall lernen falls einen hier einmal für längere Zeit hinverschlägt. Wenn man hier nach Shanghai delegiert wird muss man sich um Geld keine Gedanken machen. Es gibt aber ganz ander Probleme. Kann der Partner hier arbeiten? Fühlen sich alle wohl? Ein Problem, dass auch ich während meiner Zeit kennengelernt habe ist die Schwierigkeit einen permanenten Freundeskreis zu haben. Ständig kommt und geht jemand. Was auf kurze Zeit aufregend ist wird für viele oft zum Problem. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mit Henrik jemanden habe, den ich zuvor schon kannte und mit dem ich auch weiterhin auf jeden Fall in Kontakt stehen werde. Mit Henrik und Lorena hatte ich Menschen, mit denen ich auch einfach auf der Couch rumfahren und Filme gucken konnte. Ich habe meine Zeit genossen und bin dennoch froh darüber Shanghai nun den Rücken zu kehren. Urlaub in Vietnam, Luisa und das schöne Studentenleben liegen vor mir. Nach einem Jahr in verschiedenen Praktika freue ich mich darauf in den Hörsaal zurückzukehren und wieder unter Leuten zu sein die mich wirklich kennen und mit ein klein wenig Glück auch ein wenig vermisst haben.
Und was Shanghai angeht: wer weiβ wie schnell ich wieder da bin. Ich bin zwar nicht der Groβstadtmensch aber auf 3-4 Jahre wäre ich sofort bereit – wenn alles passt ;)
Ich freue mich euch in Deutschland noch mehr zu berichten!


Hier noch einen kurzen Abschnitt über die Highlights der letzten Wochen:

Dank meines Chefs haben wir Praktikanten uns zu einer Werksbesichtigung aufgemacht.
Werksbesichtigung
Bis zum Mittagessen haben wir eine Produktionsanlage und eine Baustelle besucht. Im Anschluss an diesen interessanten Vormittag ging es dann ab zu den Cool Docks. Das ist eine Art Strand direkt an der Promenade des Hangpu Rivers. Dort haben wir den Tag dann bei Pool und Beachvolleyball ausklingen lassen.
Beach-on-the-Bund
Ein Abteilungsweites Teambuilding Event konnte ich auch noch mitnehmen. Stattgefunden hat das Ganze in einer Brauerei. Durch Bänder mit verschieden Farben wurden zu beginn die Tische und gleichzeitig Teams eingeteilt. Nach dem Buffet und zwischen dem leckeren selbstgebrauten Bier wurde dann auch Karaoke gesungen, Urlaubsbilder gezeigt und Salsa gelernt. Zum Ende der Veranstaltung wurde ein Wett-trink-wettbewerb initiert. Mir wurde die Ehre zuteil unser Team zu vertreten. Zunächst sollten wir einen Liter Bier mit einem Strohhalm trinken. Nach gemeinschaftlichem Protest durften wir die Strohhälme jedoch weglassen. Was soll ich sagen – Ich werde den Leuten hier noch etwas in Errinnerung bleiben :D! Als ich mit meinem Bier fertig war hatten die anderen noch mehr als die Hälfte in ihren Humpen. Alle waren begeistert. Auch heute im Büro wurde ich bereits darauf angesprochen. Sowas gäbs in Deutschland nicht – und vorallem nicht um halb 7 Uhr Abends!
Abschieds-Teppanyaki
Mit dem letzten Wochenede war auch die Zeit gekommen sich von vielen Leuten zu verabschieden. Henrik, Jakob und ich hatten daher ein Abschieds-Teppanyaki organisiert. Nach dem tollen Essen mit 16 Leuten waren wir noch ein letztes Mal in Shanghai feiern.
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